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Nepal Trilogie - Teil II

Aktualisiert: 15. Okt. 2023

Teil II der Trilogie 'Herzensschule Nepal' trägt den Titel: Ich sehe dich.

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Ich war mit meinem nepalesischen Forschungskollegen Rajendra gerade am Weg, als wir in eine der ärmsten Gegenden des Landes kamen - in die gefühlt unendlichen Weiten des hügeligen Nepals. Es war mein Blick, der kommentiert wurde. Mein Blick, der das zum Ausdruck brachte, was er sah: Eine sehr alte, stark verrunzelte Frau, mit Krücken, und nur einem Bein, einem Buckel, der ihr ein Aufrechtstehen nicht mehr erlaubte, zwei Händen, die scheinbar seit Jahren nicht mehr gereinigt, geschweige denn gepflegt worden waren, eine Beule im Gesicht, die so groß war wie ein halber Fußball (später sollte ich noch öfter erfahren, dass solche Gewächse körperlicher Ausdruck von Unterernährung sind), beim Mund öffnen zeigend, dass sich nur mehr ein Zahn darin befand. Ich war schockiert. Ich war sprachlos über all das körperliche Leid in nur einer Person. In nur einer Frau! Ich war fassungslos. Es tat mir leid, dass sie nicht zu einem Arzt gehen konnte; die Zähne richten lassen, ähm - oder so.

Ja, ich war überwältigt davon, wie Leben auch ‚erfahren‘ werden kann.


Und genau jener Ausdruck war wohl Anlass für meinen lieben brahmanischen Kollegen, mich einzuladen, der Frau doch einmal in die Augen zu sehen, und sie vielleicht sogar anzulächeln – weil auch sie es sich verdient hätte. So sehr mir diese Idee im ersten Moment absurd vorkam, so sehr stellte ich mich diesem simplen, aber doch so schwierigen Vorhaben. Ich fasste meinen Mut, blickte der Frau in die Augen, und versuchte mich mit einem Lächeln. Sie sah zurück zu mir; und was mich dann traf, werde ich in meinem Leben nicht mehr vergessen: Ein Blick, der mich tief in meinem wahrhaftigen Herzen berührte; ein Blick, der so tief ging, dass ich Tränen in den Augen hatte; weil er einer war, der sich nicht auf Äußerlichkeiten beschränkte; nein – es war ein Blick direkt in mein Innerstes, in jene Tiefen, in die ich selbst noch nicht geschaut hatte. Selten fühlte ich mich so sehr berührt, ja – gesehen. Und letztlich erkannte ich erst durch diese Frau all jenes Leid, das ich bis dahin in mir trug und das sich mir im Außen widerspiegelte. Ich erkannte meinen gedanklichen Zustand des Überwältigtseins von scheinbar menschlichen Imperfektionen. Und ich erkannte, dass es meine Brille und mein Fokus waren, mit denen ich bisweilen durchs Leben ging.

Dank Rajendra konnte ich die Schönheit in dieser Frau erblicken, die Schönheit ihres Seins und Wesens; ihre Essenz. Ich durfte erkennen, dass es mein eigenes Unvermögen war, mehr das Leid als das zugleich vorhandene Schöne wahrzunehmen. Ja, es war MEIN Leid, das im Außen seinen Ausdruck fand, und ich erkannte es; dank dieser Frau.

Welch bitter-süßes Geschenk des Himmels.

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Mehr zum Buch Herzgereist, und dem Verein von Jorgos hier.

...und zum Reinschnuppern liegt es auch im Yogastudio auf.


Im Bild: Buddhastupa in Kathmandu


Love & Sat Nam,

Monika


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