Der Winter und seine Qualitäten

die apotheken machen den umsatz des jahres; die tipps fürs immunsystem sowie die ratgeber gegen winterdepression boomen. und warum das alles? weil wieder einmal (und jedes jahr wieder eine überraschung) winter ist! und der winter besitzt halt einfach mal qualitäten, die weniger gerne angenommen werden; da kanns dann einfach tröstlich sein, ein mittelchen einzunehmen, eine mentale beschäftigung mit der 'besten abwehr gegen den winter' vorzunehmen oder sich mit der ewigen liste gut gemeinter ratschläge abzulenken. 

wie macht es denn die natur im winter? also - was ist denn im winter eigentlich 'natürlich'? so wie es im herbst bereits begonnen hat mit rückzug (siehe auch beitrag zum herbst) - führt der winter diese qualität weiter: die lebensenergie ist ganz tief im inneren gehortet, da wo es noch warm ist und auch warm gehalten werden kann. der winter ist jene zeit, in der unter all den schnee- und kältedecken das leben in samen, wurzeln und knollen schlummert; winterschlaf hält und sich darauf vorbereitet, im frühling wieder mit aller kraft an die oberfläche zu dringen um einen neuen zyklus zu beginnen. 

der winter birgt somit auch in sich die qualitäten der ruhe und der stille, möchte uns zum zu- und hinhören einladen. das ist für mich dieses sich-zurückziehen und dort in der eigenen kraft bleiben; die eigene kraft spüren; im inneren halt. es sei, als müssten wir während dieser dunklen wintermonate unser flämmchen der lebensenergie im inneren hegen und pflegen, und zwar - wie eigentlich bei allem - mit aufmerksamkeit, bewusstheit, respekt für den jeweiligen umstand, und dies vielleicht im zustand der stille und ruhe? das fühlt sich doch nach winter an. winter, wie wir ihn vielleicht noch kennen, zumindest aber als erfahrung in unseren genen tragen - die stille und wärme des feuers, die ruhe in der landschaft, und die bewegungsstille im sein - in zufriedenem innehalten

warum uns das so schwer fällt? weil es ein riesen kraftakt ist, in schnellen, vollen und intensiven zeiten wie diesen, sich eine ruhephase in und aus diesem gesellschaftlichen dasein zu erlauben. weil rückzug mit sich selbst konfrontiert. weil dasein in der dunklen zeit des jahres anders intensiv ist als im sommer. im sommer besteht die intensität darin, sich im aussen zu erleben, sich im aussen zu erfahren, sich am aussen zu erfreuen. im winter sind wir an der (wertfreien!) Schattenseite des seins: sich im inneren zu erleben, sich am inneren zu erfahren und - sich am inneren zu erfreuen. doch wie sollen oder können wir uns an rückzug, ruhe, innerer zentriertheit erfreuen, wenn doch das leben in gleicher geschwindigkeit, kontinuität und intensität im aussen dabei weiter geht!? 

es ist ein balanceakt mit sich selbst. ein drübergehen bedeutet, sich im aussen zu 'erkalten'. es fehlt im frühjahr dann vielleicht an kraft fürs austreiben; fürs in-die-sonne-streben; fürs wachsen. ich wage zu behaupten, dass wir verlernt haben, die qualitäten des winters anzunehmen und uns natürlichkeit einzugestehen. und so ist es mir irgendwie ein anliegen, mit diesem beitrag einzuladen, sich selbst und seinen natürlichen werten und zyklen treu zu sein; trotz all dem treiben und fordern der gesellschaftlichen existenz. der preis ist hoch, dem standzuhalten; letzten endes ist das leben aber für mich eine art lebenskasse, aus der ich mich nur bedienen kann, wenn ich auch balance auf der anderen seite hergestellt habe: sein, ruhen und rasten. und genau dazu lädt der winter uns ein. 

für mich ist es ein stück weit die zeit, in der im inneren nach neuen samen, knollen und wurzeln gesucht wird, die im frühjahr ins leben austreiben wollen.

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